Vom LMS zur Sozialen Kompetenzentwicklungs-Plattform – ein Paradigmenwechsel

Heutige Learning Management Systeme (LMS) sind fast ausschließlich auf formelles, fremdgesteuertes Lernen, beispielsweise in virtuellen Klassenräumen, in der Verantwortung eines Lehrenden (Lehrer, Dozent, Trainer) ausgerichtet. Kollaboratives Arbeiten und Kompetenzentwicklung, informelles Lernen im Prozess der Arbeit oder der selbstorganisierte Aufbau von Erfahrungswissen und die Kommunikation in sozialen Netzwerken werden kaum unterstützt. Deshalb ist es nicht sinnvoll, Learning Management Systeme einfach um Social Media zu erweitern. Es ist ein Paradigmenwechsel notwendig.

Zukunftsorientierte Lernprozesse im Rahmen des Corporate Learning werden vor allem durch folgende Merkmale geprägt:

  • Kompetenzorientierung
  • Selbstorganisation
  • Personalisierung
  • Kollaborative Kompetenzentwicklung im Netz
  • Flexibilität
  • Offene Lernprozesse

Die Technologie alleine bewirkt noch keine Veränderung des Corporate Learning, schafft aber den Raum für innovative Gestaltungsformen der Lernprozesse. Deswegen kommt der Gestaltung dieses Lernrahmens eine zentrale Bedeutung zu.

Wir werden noch viele Jahre in einer hybriden Lernwelt leben, die durch formelle Lernprozesse zum Wissensaufbau und zur Qualifizierung sowie durch informelle Lernprozesse mit dem Ziel der Kompetenzentwicklung im Prozess der Arbeit und im Netz geprägt ist. Diese Lern- und Kommunikationsprozesse erfordern eine spezifische Lern-Infrastruktur, die in Anlehnung an Jane Hart diese zwei Bereiche des Lernens ermöglicht[1]:

  • Kooperatives Lernen: Formelles Lernen im Rahmen vorgegebener Lernziele und Inhalte mit verschiedenen Trainingsmethoden und einer Learning Community („Social Learning“).
  • Kollaboratives Arbeiten und Lernen: Informelles Lernen am Arbeitsplatz („Workplace Learning“) oder im Netz („Social Collaboration“), indem mit Lernpartnern kollaborativ Problemstellungen aus der Praxis oder in Praxisprojekten bearbeitet werden und Austausch von Erfahrungswissen in Communities of Practice.

Kompetenzentwicklung im Netz setzt voraus, dass die Mitarbeiter im Netz kollaborativ zusammen arbeiten können. Die Lern-Infrastruktur muss deshalb die Aufgabe erfüllen, die vielfältigen Steuerungs-, Kommunikations- und Dokumentationsfunktionen, die für diese informellen Lernprozesse erforderlich sind, möglichst intuitiv nutzbar und bedienbar zur Verfügung zu stellen. Es wird aber auch weiterhin in den Unternehmen formelles Lernen, z.B. im Rahmen von E-Learning und Blended Learning Arrangements, nachgefragt.

Daraus leiten sich folgende Anforderungen an Soziale Kompetenzentwicklungs-Plattformen ab, die deutlich machen, dass es nicht genügt, Learning Management System einfach um ein paar Kommunikations- oder Kollaborations-Tools zu erweitern. Es ist auch im Bereich der Lern-Inrastruktur ein Paradigmenwechsel erforderlich, der auf Basis einer innovativen Konzeption des Corporate Learning gestaltet wird.

Prinzipien

  • Zentrale, digitale Anlaufstelle aller Mitarbeiter im Unternehmen
  • Gestaltung nach den Prinzipien Offenheit, Partizipation, Kollaboration und Selbstorganisation
  • Personalisierung: : Nutzung des Ermöglichungsrahmens nach den individuellen Bedürfnissen in einem offenen Berechtigungssystem
  • Mobile Learning: Das Lernportal kann unabhängig von Ort und Zeit über ein responsives Frontend genutzt werden
  • Micro Learning: Die Inhalte können nach Bedarf „on-demand“ (Micro-Learning) gefunden und genutzt werden
  • Performance: Aktueller Entwicklungsstand (z.B. Zugriffszeiten, Datentransfer/ Aktualisierungsgeschwindigkeit, Sicherheit )
  • Berechtigungskonzept: Offener und geschützter Bereich mit unterschiedliche Rollen – und Berechtigungskonzepte für Lerner, Lernbegleiter, Moderatoren (z.B. virtuelle Klassenräume), technische und fachliche Administratoren sowie Führungskräfte. Weitere Rollen können individuell konfiguriert werden.
  • Usabilty: Intuitive Bedienung und geringe Nutzungsbarrieren, lernfreundliche Gestaltung
  • Aktualität: Jeder Änderung im System wird mit Namen und Änderungszeitpunkt protokolliert. Durch laufende Beiträge der Mitarbeiter erhält das System einen dynamischen Charakter. Beiträge der Lerner, Tutoren (Kommentare, Dokumente, Videos …) sind sofort nach der Einstellung sichtbar. Neue User, Gruppen, Blogs werden sofort veröffentlicht. Optional können ausgesuchte Inhalte durch einen Freigabe-Workflow laufen. Die „Freigebenden“, z.B. Lernbegleiter, können frei definiert und entweder direkt oder zu einem bestimmten Zeitpunkt freigegen werden. Die gewünschten Freigabeworkflows können durch ein Rollenkonzept gesteuert werden. Systemaktualisierungen können im laufenden Betrieb vorgenommen werden.
  • Flexibilität: Neue Inhalte und technologische Elemente können jederzeit hinzugefügt werden (Baukasten-Prinzip).
  • Mehrsprachigkeit
  • Transparenz: Individuell anpassbare Suchfunktionen zum Filtern über alle im öffentlichen Bereich eingestellten Informationen (Katalog der eingestellten Lernangebote, Foren, Gruppen, Blogs, Kalender …), Volltextrecherche über alle Gruppen und Einträge in den Gruppen, Änderungshistorie …
  • Datensicherheit: Passwortgeschützte Bereiche, Daten werden beim Aufruf, bei Veränderungen und beim Speichern immer mit 256-Bit Verschlüsselung bearbeitet. Alle Änderungen werden protokolliert.
  • Online-Hilfen
  • Geräteunabhängigkeit: Alle gängigen Betriebssysteme und Hardware werden unterstützt.
  • Nutzung über ein App
  • Corporate Design
  • Offene Kommunikations- und Lernräume

Aktuelle Informationen zum Unternehmen

  • Informationen rund um das Corporate Learning im Unternehmen
  • Lernmedien für die Öffentlichkeit, z.B. Videos mit Bedienanleitungen
  • Foren, z.B. zu unternehmensübergreifenden Lernthemen
  • Blogs, z.B. des Vorstandes oder von ausgewiesenen Experten
  • Gruppen: Offene Communities zu ausgewählten Themen
  • Soziale Netzwerke der Mitarbeiter und Führungskräfte, evtl. auch mit Kunden, Lieferanten und Partnern
  • Webinare zu unternehmensübergreifenden Lernthemen
  • Werkzeuge, z.B. für Online-Kommunikation, Präsentationen, Strukturierung….
  • Open Educational Resources
  • Geschützte Arbeits- und Lernumgebung

Persönlicher Lernbereich

  • Neues aus meinem Netzwerk: Aktuelle Beiträge der Lernpartner, Lernbegleiter und in meinen Gruppen
  • Persönliches Nutzerprofil: Die Felder können individuell ausgewählt / sichtbar geschaltet werden. Der User kann das Profil mit Lernpartnern verlinken.
  • Meine Kontakte („Freunde“)
  • Mein Kalender
  • E-Portfolio: Persönlicher Zugangsbereich mit einer digitalen Sammlung von Dokumenten und persönlichen Arbeiten“ (=lat. Artefakte) eines Lerners, in der die Lernergebnisse (Produkt) und der Lernweg (Prozess) seiner Kompetenzentwicklung in einer bestimmten Zeitspanne und für bestimmte Zwecke dokumentiert und veranschaulicht werden.
  • Mein persönlicher Blog oder Mein eigenes Wiki
  • Individuelle Lernplanung

Die gesamte Planung und Administration der individuellen Lernprozesse liegt nun in der Verantwortung der Lerner. Deshalb bietet ihnen der Ermöglichungsrahmen die Möglichkeit, ihre Lernprozesse selbstorganisiert zu planen, zu gestalten und zu dokumentieren. Dabei ist das System so ausgerichtet, dass die Lerner ihre Lernprozesse direkt im Prozess der Arbeit (Workplace Learning) unabhängig von Ort und Zeit (Mobile Learning) und nach dem individuellen Bedarf on demand (Micro Learning) gestalten und steuern können. Hierfür benötigen sie folgende Tools:

  • Strategische Anforderungen/Ziele an den Mitarbeiter
  • Richtziele für den Entwicklungsprozess
  • Kompetenzmodell und Soll-Kompetenzprofile
  • Kompetenzmessungen: Selbst- und Fremdeinschätzungen
  • Ist-Kompetenzprofile im Abgleich zum Soll-Kompetenzprofil und Analyse mit Lernempfehlungen
  • Aktuelles Werteprofil der Organisation, z. B. Geschäftsbereich
  • Wertemessungen: Selbst- und Fremdeinschätzungen
  • Werte-Istprofile und Analyse mit Lernempfehlungen
  • Curricula
  • Verbindliche Vereinbarungen mit der Führungskraft, z.B. zu Praxisaufgaben und Praxisprojekten
  • Methodische Lernempfehlungen des Lernbegleiters
  • Kalender: Der Kalender kann mit anderen synchronisiert werden.
  • Kollaboratives Arbeiten und Lernen

Der Lernort wandert an den Arbeitsplatz und ins Netz. Dafür benötigen die Mitarbeiter u.a. folgende Tools:

  • Workpad zur gemeinsamen, zeitgleichen Bearbeitung von Dokumenten im Netz
  • Blogs, z.B. als Projekttagebuch
  • Wikis zur kollaborativen, zeitunabhängigen Erarbeitung von Lösungen
  • Webinare zur Reflektion und zum Erfahrungsaustausch
  • Übersicht über aktuelle Aktivitäten im persönlichen Netzwerk
  • Lerner können nach Experten (bzw. erfahrenen Kollegen) zu bestimmten Herausforderungen im System suchen und sich mit ihnen dazu austauschen.
  • Volltextrecherche über alle Gruppen und Einträge
  • Autorentool zur Aufbereitung des Erfahrungswissens (Rapid E-Learning)
  • Lernen im Netz
  • Auffinden/Identifikation von Lernpartnern und Experten
  • Integration der Elemente für Soziale Netzwerke: Chat, Foren, Blog, Wiki, Workpad, eMail-Benachrichtigungen, Kalender, Kontakte verlinken, Kontaktanfragen, Gruppen……
  • Kooperative Bearbeitung von Aufgaben, z.B. aus WBT
  • Kollaborative Lösung von Herausforderungen in der Praxis und in Projekten
  • Social-Networks zum Austausch und zur Weiterentwicklung von Erfahrungswissen
  • Die Mitglieder einer Gruppe erhalten E-Mail-Benachrichtigungen bei Veränderungen
  • Aktuelle Informationen
  • Verlinkungen zu Quellen innerhalb und außerhalb des Intranet
  • Kommentarfunktionen
  • „Liken“
  • Favoriten
  • Empfehlen von Beiträgen und weiterleiten an „Freunde“ / Gruppen.
  • Dokumentation und kompetenzorientiertes Wissensmanagement

Das Erfahrungswissen der Lerner wird im Rahmen des kompetenzorientierten Wissensmanagements mit Hilfe von Lern-Tagebüchern (Blogs) oder gemeinsamen Arbeitsergebnissen (Wikis) systematisch erfasst, so dass es bei späteren Problemlösungen wieder gezielt genutzt werden kann. Weiterhin ist es möglich, bei Bedarf mögliche Lernpartner und Experten zu identifizieren, die bei aktuellen Problemlösungen mit einbezogen werden können. Dabei können die Lerner folgende Tools nutzen:

  • Reports zu Lernergebnissen im Rahmen eines Berechtigungskonzept
  • Ausarbeitungen
  • Generierung von Zertifikaten, Bescheinigungen
  • Datenbank zur Speicherung des Erfahrungswissens
  • Tool zur Ermöglichung des kompetenzorientierten Wissensmanagements
  • Rapid E-Learning Tool zur Aufbereitung von Erfahrungswissen als (einfaches) Lernprogramm
  • Offline-Fähigkeit: Down- und Upload-Möglichkeit für ausgesuchte Inhalte mit einem individuellen Berechtigungssystem.
  • Rückmeldung

Die Lerner können ihre Lernerdaten interpretieren, um Lernfortschritte zu messen, zukünftige Leistungen vorauszuberechnen und potenzielle Problembereiche aufzudecken. Diese Ergebnisse bilden die Grundlage für zielorientierte Führungsgespräche, in denen die Führungskraft dem Lerner eine Rückmeldung gibt und Vereinbarungen für die folgenden Lernprozesse trifft. Auf Basis eines an der Unternehmensstrategie und dem Werterahmen ausgerichteten Kompetenzmodells und der daraus abgeleiteten Kompetenzprofile kann der Lerner für seinen jeweiligen Aufgabenbereich seine persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten im Bereich der Kompetenzen ermitteln. Folgende Tools können diese Prozesse unterstützen:

  • Feed-Back – Tools wie z.B. Messenger für eher ausführliches Feed-Back z.B. zwischen Lernbegleiter und Teilnehmer.
  • Kommentierung von Arbeitsergebnissen
  • Möglichkeit z.B. über eine Sterne-Bewertung Lerninhalte oder Lernbegleiter etc. zu bewerten.
  • Quantitative und qualitative Bewertungen durch „Sterne“
  • Kommentarfunktionen
  • Workforce und Learning Analytics (zukünftig)
  • Business Intelligence: Die Datenmassen aus den Arbeits- und Lernprozessen werden in einem Data-Warehouse gesammelt und mittels ETL-Prozessen für die Analyse vorbereitet.
  • Analysemethoden: Data-Mining, Text-Mining, Webmining und Case-Based Reasoning, Predictive Analytics oder Social Learning Analytics sowie Educational Data Mining.

Während der Markt für Learning Management Systeme aufgrund seiner Vielfalt kaum mehr zu überschauen ist, ist das Angebot an Sozialen Kompetenzentwicklungs-Plattformen begrenzt. Grundsätzlich bieten sich für die Anwender zwei Wege an, um zu bedarfsgerechten Sozialen Kompetenzentwickluns-Plattformen zu kommen:

  • Proprietäre Lösung: In einem gemeinsamen Entwicklungsprojekt mit einem Software-Unternehmen wird eine maßgeschneiderte Lösung entwickelt. Dieser Weg erfordert viel Engagement des anwendenden Unternehmens und ist mit relativ hohen Kosten behaftet.
  • Open Source basierte Lösung: Auf Basis eines offen verfügbaren Dokumenten-Managementsystem, z.B. Liferay, in das ein ebenfalls frei verfügbare Learning Management System, z.B. Moodle oder Ilias, sowie ein E-Portfolio integriert werden, entsteht eine Soziale Kompetenzentwicklungs-Plattform mit allen Funktionalitäten, jedoch zu erheblich geringeren Kosten.

Auf Basis der Open Source Lösungen Liferay und Moodle haben wir mit learn@work eine Soziale Kompetenzentwicklungs-Plattform entwickelt und bereits in mehreren Unternehmen, z.B. bei der Deutsche Bahn AG, eingesetzt. Diese erprobte Lösung befreit die Unternehmen von umfangreichen Entwicklungsarbeiten und verhindert zudem hohe Kosten. Das Unternehmen kann sich darauf konzentrieren, seine Lernkonzeption in Hinblick auf die zukünftigen Herausforderungen zu optimieren.

[1] vgl. Hart, J. (2013)

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2 Gedanken zu “Vom LMS zur Sozialen Kompetenzentwicklungs-Plattform – ein Paradigmenwechsel

  1. Vielen Dank für die Ausführungen, die ich alle sehr gut nachvollziehen kann. Mich würde im Anschluss daran mal ein konkreter Einblick in so eine Soziale Kompetenzentwicklungs-Plattform interessieren. Als Screencast oder ein paar Screenshots davon. Oder gibt es gar einen Testzugang irgendwo?

    Herzliche Grüße
    @mons7

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